Thela Wernstedt schlägt Dr. Elisabeth Selbert für die Umbenennung des Platzes vor dem Landtag vor

 

Da die Entscheidung gefallen ist, den Platz vor dem Landtag umzubenennen, schlage ich einen Frauennamen vor: Dr. Elisabeth Selbert.
Elisabeth Selbert war für die SPD-Fraktion des niedersächsischen Landtages 1948 in den parlamentarischen Rat entsendet worden, um das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland mit zu erarbeiten. Ihr ist es zu verdanken, dass im Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes die Formulierung steht: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“

In der Verfassung der Weimarer Republik waren die „gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten“ formuliert, aus denen aber kaum jemand die vollständige Geschlechtergleichheit abgeleitet hat. Die ursprüngliche Version im Grundgesetz sollte heißen „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Das Gesetz muß Gleiches gleich, es kann Verschiedenes nach seiner Eigenart behandeln.“
Dagegen hat sich Dr. Selbert vehement gewehrt. Sie fürchtete, dass damit Ausnahmebestimmungen, die Frauen schlechter stellen, legitimiert werden könnten.

Gegen den Widerstand der konservativen Parteien und der konservativen eigenen Genossen – u. a. auch Kurt Schumacher – mobilisierte sie partei- und verbandsübergreifend einen breiten Widerstand der Frauen gegen die ursprünglich geplante Formulierung und für die „Gleichberechtigung“. Die Frauen, die im 2. Weltkrieg und den schweren Nachkriegsjahren gearbeitet und gehungert hatten, die geflohen, vergewaltigt worden waren, die ihre Ehemänner, Väter und Söhne verloren hatten, waren nicht bereit, auf die vollständige Gleichstellung zu verzichten, so dass der parlamentarische Rat schließlich der Formulierung: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ zugestimmt hat.
Dr. Elisabeth Selbert, Jahrgang 1896, war promovierte Juristin. Sie hat bereits in den 20er und 30er Jahren einen vergleichsweise „modernen“ Lebensentwurf in Kassel gelebt, da sie mit ihrer Anwaltstätigkeit die Familie ernährt und ihr Mann sich um die Kinder gekümmert hat und teilweise in ihrer Kanzlei angestellt war. Sie war vielfach politisch engagiert.

Um gleich einer bestimmten Kritik vorzubeugen: Sie hat 1934 eine Rechtsanwaltskanzlei am Kasseler Königsplatz bezogen, die von zwei Rechtsanwälten jüdischen Glaubens verkauft wurde. Die Rechtsanwälte Karl Elias und Leon Rossmann wollten beide emigrieren und brauchten das Geld für die Flucht. Elisabeth Selbert nahm bei Parteigenossen ein Darlehen auf, um die Kanzlei kaufen zu können. Die Praxisübernahme ist korrekt abgewickelt worden und auch zu einem angemessenen Preis erfolgt.
Gisela Notz hat die Biographie Elisabeth Selberts und anderer SPD-Politikerinnen akribisch aufgearbeitet und in dem Band „Frauen in der Mannschaft“ (Dietz-Verlag, Bonn 2003) veröffentlicht. Das Buch ist in der Bibliothek des niedersächsischen Landtages entleihbar.

Warum sollte Dr. Elisabeth Selbert erwogen werden?

Sie hat sich in ihrer beruflichen und politischen Tätigkeit für einzelne Menschen, die Stärkung der Demokratie und die Gleichberechtigung der Frauen eingesetzt. Sie hat im Auftrag der niedersächsischen SPD-Fraktion die tatsächliche Gleichberechtigungsformulierung im Grundgesetz parteiübergreifend organisiert.
Sie war immer eine Frau, die eigene Ideen verfolgt hat und sich nicht ausschließlich Parteiinteressen untergeordnet hat. Sie hat sich aus meiner Sicht bleibend verdient gemacht um die Gleichberechtigung der Frauen in diesem Land. Gleichberechtigung ist bis heute nicht ausreichend politisch umgesetzt und weiter eine Aufforderung an alle politisch Engagierten in Hannover, Niedersachsen und darüber hinaus.