Dr. Thela Wernstedt: Rede zur Aktuellen Stunde „Ärztliche Versorgung“ in der Aktuellen Stunde des Niedersächsischen Landtags

 

Dr. Thela Wernstedt sprach im Niedersächsischen Landtag zur Aktuellen Stunde der Fraktion der SPD zum Thema „Ärztliche Versorgung flächendeckend sichern“ in der Plenarsitzung am 24. Oktober 2018.
Die Rede von Frau Dr. Wernstedt können Sie nachstehend lesen.

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren!

Ich könnte jetzt den Maßnahmenkatalog aufzählen, den die Landespolitik erarbeitet und schon in Gang gesetzt hat, um die Hausarztversorgung auf dem Land zu sichern. Aber das machen mit Sicherheit gleich noch meine Kolleginnen und Kollegen und die Landesregierung.

Ich greife heute Morgen mal groß aus und wähle für die fünf Minuten, die ich zur Verfügung habe, den Leitsatz der Aufklärung: „Sapere aude!“ Ich will einmal vom Patienten und den Angehörigen her denken:

Erstens. Die Aufteilung in ärztlich/pflegerisch und nachts/am Wochenende ist nicht so wichtig, sofern Patienten und Angehörige wohnortnah und rund um die Uhr - auch in der langen Pause an den Weihnachtsfeiertagen - kompetente Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen haben, die auch nachts um 3 Uhr nach Hause kommen und entweder das Problem lösen oder einen Hilfeweg organisieren, z. B. eine Krankenhauseinweisung.

Zweitens. Wie Praxen, medizinische Versorgungs-zentren, Notfallambulanzen oder Krankenhausambulanzen rechtlich, personell und finanziell organisiert sind, ist Patienten und Angehörigen ziemlich gleichgültig. Sie müssen aber wohnortnah oder mit Verkehrsmitteln für einen nicht zu hohen Preis und mit vertretbarem Aufwand erreichbar sein. Dies gilt für alle, aber insbesondere für alte Menschen, die nicht mehr sicher Auto fahren, oder für kranke Menschen, die nicht so konzentriert sind. Dies entlastet zudem arbeitende Angehörige oder An-gehörige, die noch weitere Menschen wie kleine Kinder zu versorgen haben.

Drittens. Eine wachsende Zahl älterer Menschen in Deutschland braucht kompetente Hausärzte und Pflegedienste, Neurologen, Augenärzte, Kardiologen, Onkologen und andere Internisten. Das sind diejenigen Fachrichtungen, deren Fachleute die meisten Erkrankungen des Alters versorgen. Diese Fachleute müssen auch in der Fläche erreichbar sein. Ob man ambulant zum niedergelassenen Neurologen oder in eine Krankenhausambulanz geht, in der ein angestellter Facharzt arbeitet, ist für den Patienten nebensächlich. Hier stellen sich die Fragen nach einer angemessenen Bedarfsplanung, die der Lebenswirklichkeit entspricht, und nach dem Aufbrechen der ambulanten und stationären Sektoren.

Große Koalitionen eignen sich normalerweise für große Vorhaben. Das wäre doch ein großartiges Ziel für die Kollegen in Berlin!

Viertens. Es gibt in Ballungsgebieten eine große Zahl konkurrierender Pflegedienste, die zu bewerten aus Patientensicht schwer ist.

Ist das Konkurrenzprinzip wirklich in allen Lebens-lagen und unter allen Umständen das beste Prinzip, um Versorgung zu organisieren, frage ich. Wen soll man nehmen? In der Fläche zudem gibt es zu wenige oder personell unterbesetzte Dienste, sodass wir schon davon hören, dass Patienten, die auf die Hilfe angewiesen sind, keine ambulante Pflege mehr bekommen. Es geht heute also nicht nur um ärztliche, sondern auch um pflegerische Versorgung, die Hand in Hand mit der ärztlichen geht.

Wie gewinnt man in anderen Bereichen Arbeitskräfte?

a) Durch eine interessante Ausbildung. In der Hinsicht ist die Politik tätig geworden und hat im Bund die generalisierte Ausbildung beschlossen. Die Akademisierung des Pflegeberufes wird ohnehin weiter vorangetrieben; auch hier in Niedersachsen. Junge Leute sollen Lust haben, diesen Beruf zu lernen und sich später darin weiter zu qualifizieren. Es muss immer noch ein Weg zur eigenen Weiterentwicklung in einem Beruf da sein.

b) Es braucht eine Entzerrung des Arbeitsalltages, die Zurücknahme der enormen Arbeitsverdichtung und mehr Selbstständigkeit, die auch mit größerer Verantwortung einhergeht - das alles immer in Kontakt mit den Ärzten und einer gemeinsamen Weiterentwicklung und Arbeitsteilung.

Und wir reden auch über Geld. Hier sind die Gewerkschaften und die Arbeitgeber gefragt. Einsatz für eine Entlohnung, die der Qualifikation und der Arbeitsleistung entspricht, und Gestaltung der Arbeit sind solche Themen, die aktiv zwischen Pflegekräften und den Gewerkschaften entwickelt wer-den müssen. Berufe, die gebraucht werden, haben, organisiert über Gewerkschaften, ein gutes Druckpotenzial auf der Straße, um bessere Arbeitsbedingungen für sich zu erstreiten.

Die Patienten und Angehörigen finden es gut, wenn sie von qualifizierten und gut entlohnten Ärzten und Pflegenden versorgt werden. Das hat der große Ärztestreik 2006 gezeigt und wird sich auch wieder zeigen; anders, als es jüngst die MHH praktiziert hat, die dabei Eltern schwerkranker Kinder in Angst und Schrecken versetzt und Belegschaften spaltet, um das berechtigte Interesse nach mehr Lohn durch-zusetzen.

Ich komme zum Schluss.

Es ist auch Zeit, Abschied von der westdeutschen Doktrin zu nehmen, dass nur ein niedergelassener Einzelkämpfer-Hausarzt ein guter Arzt ist; denn sich mit einer solchen Praxis über beide Ohren zu verschulden, ist eine Lebensentscheidung, und die treffen junge Leute nicht gern zu Anfang ihrer Berufstätigkeit.

Wie wäre es mit Angestelltenverträgen? Dann haben wir wahrscheinlich einen Teil der jungen Leute auch auf dem Lande, weil das einfach spannend ist.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.