Dr. Thela Wernstedt sprach zum Thema Hausärztliche Versorgung in der Plenarsitzung des Niedersächsischen Landtags

 

Dr. Thela Wernstedt sprach für die SPD-Landtagsfraktion im Niedersächsischen Landtag zur zweiten Beratung des Entschließungsantrags von SPD und CDU zum Thema „Hausärztliche Versorgung flächendeckend in Niedersachsen sichern“ in der Plenarsitzung am 13. November 2018.
Der Antrag wurde in der Fassung des Änderungsantrages der Fraktionen der SPD, CDU, Bündnis 90/Die Grünen und FDP mit großer Mehrheit beschlossen.
Die Rede von Frau Dr. Wernstedt können Sie nachstehend lesen.

Rede der Landtagsabgeordneten Dr. Thela Wernstedt (SPD), 30. Plenarsitzung am 13. November 2018 zu TOP 8

„Hausärztliche Versorgung flächendeckend in Niedersachsen sicherstellen“

Antrag der Fraktion der SPD und der Fraktion der CDU - Drs. 18/1401

Beschlussempfehlung des Ausschusses für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Migration : Annahme – Drs. 18/2040

Änderungsantrag der Fraktionen der SPD, CDU, Bündnis 90/Die Grünen und FDP – Drs. 18/2053

- Zweite und abschließende Beratung -

- es gilt das gesprochene Wort –

Frau Präsidentin,

meine Damen und Herren,

Wir haben uns in diesem Parlament schon häufig mit dem Problem der hausärztlichen  Versorgung auf dem Land beschäftigt. Ich weise zu Beginn meiner Rede auch noch einmal darauf hin, dass der Sicherstellungsauftrag bei der kassenärztlichen Vereinigung liegt und nicht bei der Landesregierung oder dem Parlament. Gleichwohl treibt das Thema alle Fraktionen um.

Am Maßnahmenkatalog dieses Entschließungsantrages ist auch ersichtlich, dass es eine Fülle von Stellschrauben gibt, an denen gedreht werden kann, um die Zahl der auf dem Lande arbeitenden Hausärzte zu erhöhen.

Die Gründe, warum junge Ärztinnen und Ärzte eher in der Stadt bleiben und eine andere Facharztausbildung wählen, sind vielfältig. Fehlende Infrastruktur wie Kindergärten, Schulen, ein Arbeitsplatz für den Partner, ein urbanes Lebensgefühl, das das Leben auf dem Lande langweilig findet, die geringe Wertigkeit der Allgemeinmedizin im Kanon der anderen medizinischen Fächer, lange Wegezeiten usw. usw.

Ich möchte drei Aspekte aus dem Maßnahmenkatalog des Entschließungsantrages herausheben, die sich in diesen Monaten neu entwickeln. Der Deutsche Ärztetag hat im Sommer 2018 beschlossen, das Fernbehandlungsverbot zu modifizieren. Bisher galt die feste Regel, dass ein Arzt seinen Patienten immer sehen und selbst untersuchen muss, um eine Diagnose zu stellen und den Verlauf der Therapie zu überwachen.

Die Idee der Fernbehandlung ist ja nicht komplett neu. Ich erinnere mich, dass ich an der MHH mal einen Raum gezeigt bekam, in dem in den 70er Jahren Fernsehmedizin ausprobiert wurde. Das Modell hat sich damals nicht durchgesetzt.

Die Kommunikationstechnik ist inzwischen um so vieles besser und anders geworden, dass heute vernetzte Diagnostik mit Fachärzten in anderen Krankenhäusern oder Praxen durchgeführt werden kann und eine Verlaufsbeobachtung auch von ferne gemacht werden kann. Hier muss geklärt werden, auch mit Fragen von Delegation und Substitution von Tätigkeiten an medizinische Fachangestellte und die Krankenpflege, ob Verlaufsbeobachtungen immer zwingend von Ärzten gemacht werden müssen.

Geklärt werden muss, wer für welche Tätigkeit die Verantwortung übernimmt, wer wie abgesichert ist und wie Entscheidungswege funktionieren sollen. Der Ärztetag hat eine Arbeitsgruppe gebildet, die sich mit diesen Fragen beschäftigt. Wir werden das aufmerksam beobachten und zügig die für das Flächenland Niedersachsen wichtigen Schlussfolgerungen ziehen.

Dabei ist uns wichtig, dass auch die Patientensicht miteinbezogen wird und nicht nur die Profis, die ja immer auch eigene Berufs- oder Strukturinteressen haben, die nicht mit denen der Patientinnen und Patienten übereinstimmen müssen.

Ein besonderes Augenmerk müssen wir auch darauf legen –das ist der zweite Punkt -, wie Patientinnen und Patienten zu ihren Hausärzten und Fachärzten gelangen können, Stichwort Mobilität. Es darf nicht sein wie in Mecklenburg-Vorpommern einmal in einer Studie festgestellt wurde, dass man innerhalb von 24 Stunden nicht in eine Arztpraxis und wieder nach Hause kommen kann, weil die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln dies nicht zulässt.

Auch auf das Medizinstudium selbst müssen wir schauen. Das ist der dritte Punkt. Wer die Arbeit in einer Hausarztpraxis nicht kennt, die Hausbesuche, die enge Anbindung über Jahre an Lebenswege der Patientinnen und Patienten, der pflegt weiter seine Vorurteile über das Leben auf dem Lande und über die Arbeit der Allgemeinmediziner. Wir müssen mehr Gelegenheiten schaffen, die Arbeit der Hausärztinnen und -ärzte kennen und schätzen zu lernen.

Dazu kommt noch das Phänomen, das ich schon am Beginn erwähnt habe. Die Allgemeinmedizin hat ein eher schlechtes Standing im Fächerkanon der medizinischen Fakultäten. Das bekommen die Studierenden schnell mit und orientieren sich entsprechend mit ihren Interessen. Dort wo mehr Geld in die Lehre fließt, wo Forschungsgelder generiert werden, interessieren sich die jungen Leute.

Also braucht es auch Änderungen im Medizinstudium, eine Erhöhung des Praxisanteils gerade in Praxen auf dem Lande. Zur Organisation müssen personelle Ressourcen in den Instituten für Allgemeinmedizin geschaffen oder gehalten werden, die überall auf dem Land arbeitenden Kolleginnen und Kollegen motivieren, zusammenhalten und bei der Betreuung der Studierenden unterstützen.

Über diese vielen Maßnahmen, die noch konkreter ausgestaltet werden müssen, werden wir auch in der Enquetekommission, die wir am Donnerstag einrichten werden, beraten. Denn hausärztliche Versorgung ist nicht ohne Pflege, ist nicht ohne Mobilität, ist nicht ohne Ausbildungsveränderungen, ist nicht ohne Infrastruktur zu denken. Wie fast überall: alles hängt mit allem zusammen und braucht differenzierte Maßnahmen.

Und es braucht, wie ich im letzten Plenum wohl zu früh morgens gesagt habe: es braucht neue Ideen und das Herausgehen aus vorgegebenen Denkmustern.

Ich bitte um Zustimmung zu diesem zwischen vier Fraktionen des Parlamentes geeinten Entschließungsantrages zur Verbesserung der hausärztlichen Versorgung auf dem Land.