Dr. Thela Wernstedt sprach in der Plenarsitzung des Niedersächsischen Landtages zur abschließenden Beratung des Entschließungsantrags zur Fortführung des Förderprogramms der Projekte zur Verhinderung von sexuellem Kindesmissbrauch

 

In der Plenarsitzung des Niedersächsischen Landtages am 24. Januar brachte Dr. Thela Wernstedt für die SPD-Landtagsfraktion den gemeinsamen Entschließungsantrag der Fraktionen der SPD und Bündnis 90/Die Grünen „Fortführung des Förderprogramms und Weiterentwicklung der Projekte zur Verhinderung von sexuellem Kindesmissbrauch“ (Drs. 17/1116) in die Beratung ein.

Über den Antrag wurde nach der Debatte zwischen den Fraktionen ohne weitere Überweisung in die Fachausschüsse sofort abgestimmt. Er wurde einstimmig angenommen.

Die Rede von Dr. Thela Wernstedt können Sie nachstehend lesen.

Herr Präsident,
meine Damen und Herren,

in den letzten Jahren hat das Thema sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen eine große öffentliche Aufmerksamkeit erlangt. Wir haben erfahren, in welchem Umfang in Internaten und anderen Einrichtungen sexueller Missbrauch wie selbstverständlich stattfand. Die dort untergebrachten Kinder und Jugendlichen waren oft in besonderer Weise schutzbedürftig, weil sie keine stabilen Elternhäuser oder andere Bezugpersonen hatten. Heute staunen wir, was für Gründe in den 50er Jahren ausgereicht haben, um einen Jugendlichen in einem Heim für schwer Erziehbare unterzubringen und haben mit Entsetzen feststellen müssen, welche „Erziehungsmethoden“, Strafen und eben auch sexueller Missbrauch betrieben wurden.

Auch heute noch ist das Thema präsent, verschärft durch die Verfügbarkeit von Bildern im Internet.

Kinder und Jugendliche werden durch sexuellen Missbrauch traumatisiert und haben ein Leben lang mit den Folgen zu kämpfen. Unsere Gesellschaft verurteilt heute sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche und sieht nicht mehr weg.

Wer in der Kindheit oder Jugend hat erleben müssen, dass Erwachsene sich an ihrem Körper vergreifen, sie bedrohen und unter Druck setzen, erfährt eine Hilflosigkeit, die absolut ist, wenn keine Vertrauensperson da ist oder Vertrauenspersonen wegsehen.

Umso wichtiger ist, dass nicht nur einzelne Personen wachsam und hilfreich sind, sondern dass die Gesellschaft auch in Form von Steuer- und Beitragszahlern Verantwortung wahrnimmt. Besser noch als Straftäter nach der Tat zu verurteilen und zu bestrafen ist es, die Taten zu verhindern.

Die Medizinische Hochschule Hannover und die Universitätsmedizin Göttingen haben sich mit etwas unterschiedlichen Schwerpunkten auf den Weg gemacht, Männern, die bereits mit sexuellem Missbrauch straffällig geworden waren oder solchen, die das Verlangen in sich haben und nicht straffällig werden wollen, ein Therapie- bzw. Präventionsangebot zu machen. Das Land Niedersachsen finanziert die Projekte seit 3 Jahren.

Diese Angebote werden gut wahrgenommen, wie wir inzwischen wissen. Die Universität Göttingen berichtet z.B. von 87 Personen, die in das Projekt aufgenommen wurden. Von diesen haben nur 5 das Angebot verlassen. Alle anderen blieben dabei und haben viel Aufwand wie z. B. lange Fahrtwege auf sich genommen.

Zu den Faktoren, die offensichtlich eine Pädophilie begünstigen zählen sexueller Missbrauch in der eigenen Kindheit und emotionale Vernachlässigung. Begleitende Symptome einer Pädophilie sind Depressivität, Ängstlichkeit und ein hohes Ausmaß kognitiver Verzerrungen, indem das eigene Tun bagatellisiert wird.

Auch der Konsum von Internetpornographie wird häufig beobachtet. Da es zur Erstellung von Bildern und Filmen, die Kinderpornographie zum Inhalt haben, wiederum zu Straftaten an Kindern und Jugendlichen kommt, die es zu verhindern gilt, ist es wichtig, das Konsumverhalten zu reduzieren. Auch wenn es nur wenig Auswirkungen auf diesem grausamen internationalen Markt haben mag.

Um Ihnen einen kleinen Einblick in die Art der Therapien zu geben, sei hier erwähnt, dass als therapeutischer Ansatz oft die kognitive Verhaltenstherapie gewählt wird, um zukünftige Straftaten zu verhindern. Die Teilnehmer sollen lernen, sich mit dem Risikoverhalten zu identifizieren und dafür Verantwortung zu übernehmen und Einstellungen zu korrigieren, die der Rechtfertigung solcher Taten dienen.

Ein sehr wichtiger Teil der Therapie ist die Stärkung der Selbstkontrolle für zukünftige Situationen und die Möglichkeit einer Krisenintervention, wenn ein Verlangen übermächtig wird.

In diesem Sinne ist die Behandlung und Begleitung von pädophilen Männern eine längerfristige Aufgabe, die nicht nach drei Jahren endet. Es geht möglicherweise um eine lebenslange Begleitung fast im Sinne einer chronischen Erkrankung.

Mit unserem Antrag fordern wir die Landesregierung auf, diese wichtigen Projekte um weitere drei Jahre zu verlängern, damit die wissenschaftliche Auswertung erfolgen kann und die Begleitung der betroffenen Männer ohne Unterbrechung weiter geht.

Wir erwarten in dieser Zeit von den Projektnehmern, ein Weiterbildungskonzept zu entwickeln, damit Allgemeinärzte, Kinderärzte, Psychotherapeuten und andere lernen, auf Symptome von Kindesmissbrauch stärker zu achten einschließlich des Konsums von Internetpornographie. Sie sollen Wissen darüber erwerben, welche Behandlungsmöglichkeiten es für Männer gibt, die bereits Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben oder in Gefahr sind dieses zu tun.

Es ist unrealistisch anzunehmen, dass wir in Niedersachsen das Versorgungsangebot so weit ausdehnen können, dass Männer bevor sie Täter werden alle ein wohnortnahes Präventionsangebot bekommen. Es wird sich vermutlich auch zukünftig auf Hannover und Göttingen und vielleicht noch ein oder zwei weitere Städte beschränken.

Aber das Wissen darum, dass es Möglichkeiten der Begleitung für Pädophile gibt, bevor Übergriffe passieren oder auch danach, sollte in der medizinischen Versorgungslandschaft bekannt sein. Wir erwarten daher auch mehr Öffentlichkeitsarbeit der Projektnehmer.

Die dritte wichtige Erwartung besteht darin, die Diagnostik- und Therapieangebote der Projekte wissenschaftlich fundiert zu begründen. Es war und ist richtig, dass das Land Niedersachsen in einem Feld, in dem schwere Straftaten mit furchtbaren Auswirkungen auf die Lebenswege junger Menschen geschehen, für die Erstellung von Diagnostik, Therapie und Prävention gesorgt hat.

Die Krankenkassen ihrerseits brauchen zu Recht feste Diagnosen und wissenschaftlich-evidenzbasierte Begründungen der Therapien, wenn sie solidarisch eingezahlte Beiträge ausgeben. Dieses zu schaffen neben einem sofort zur Verfügung stehenden Behandlungsangebot, war und ist Aufgabe der beiden aus Landesmitteln finanzierten Projekte. Am Ende der Projektlaufzeiten muss es aber gelungen sein, die Behandlungsangebote in die Regelfinanzierung zu überführen.

Die überregionale Vernetzung mit anderen therapeutischen Abteilungen wie z.B. in der Charite zählt auch zu den Aufgaben. Je mehr Pädophile in die Projekte aufgenommen werden, umso weniger Übergriffe und umso mehr Erkenntnisse über die wirkungsvollsten Behandlungs- und Begleitungsmethoden wird es geben.

Bereits in der letzten Wahlperiode wurde dieses Thema fraktionsübergreifend einvernehmlich diskutiert, nachdem von der damaligen Opposition ein Entschließungsantrag auf Projektförderung gestellt worden war. Ich denke, dass wir das auch in dieser Wahlperiode tun werden. Die Erörterungen nach den Anhörungen mit den Fachleuten aus Hannover und Göttingen lassen dies erwarten.

Wir hoffen, dass die Zahl der sexuellen Übergriffe auf Kinder und Jugendliche reduziert werden. Wir müssen uns alle an dieser Stelle mit einem stillen Erfolg bescheiden, weil wir nicht sehen werden, wo und wann eine Tat verhindert wird. Hier zeigen die Fraktionen des niedersächsischen Landtages, dass sie Verantwortung für Kinder und Jugendliche übernehmen auch ohne den üblichen Politklamauk.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.