Dr. Thela Wernstedt sprach in der Plenarsitzung des Niedersächsischen Landtages zur abschließenden Beratung des Entschließungsantrags zum Thema Natürliche Geburt

 

In der Plenarsitzung des Niedersächsischen Landtages am 20. Januar sprach Dr. Thela Wernstedt für die SPD-Landtagsfraktion in der Debatte zur abschließenden Beratung des Entschließungsantrages von SPD und Grünen zum Thema „Natürliche Geburt stärken und fördern“, den der Sozialausschuss mit den Stimmen aller Fraktionen zur Annahme empfohlen hatte. Diese Beschlussempfehlung wurde bei einer Gegenstimme angenommen. Die Rede von Dr. Thela Wernstedt können Sie nachstehend lesen.

Rede der Landtagsabgeordneten Dr. Thela Wernstedt (SPD), 54. Plenarsitzung am 20. Januar 2015 zu TOP 7:

„Natürliche Geburt stärken und fördern“

Antrag der Fraktion der SPD und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Drs. 17/2164

Beschlussempfehlung des Ausschusses für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Migration –

Drs. 17/2477 (Annahme)

- Abschließende Beratung -

- es gilt das gesprochene Wort –

Herr Präsident,

meine Damen und Herren,

eine weltweite Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren hat auch vor unserem schönen Flächenland Niedersachsen nicht halt gemacht: durchschnittlich ein Drittel aller Kinder kommt heute per Kaiserschnitt zur Welt. Dabei gibt es regional noch Unterschiede zwischen 26 und 43%. Maximal 15 % dieser Eingriffe sind nach Einschätzung der WHO indiziert, also medizinisch sachlich begründbar.

Das ist ein Problem, das in Niedersachsen, in Deutschland und in der ganzen Welt gesehen wird. Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielfältig.

Die ausgeprägten regionalen Unterschiede beruhen vermutlich darauf, dass vorhandene Entscheidungsspielräume unterschiedlich bewertet werden. In Bezug auf die Krankenhausorganisation, Stichwort Planbarkeit, die Refinanzierung und die Risikobewertung der Situation vor und während der Geburt.

Warum sind hohe Kaiserschnittraten ein Problem? Es ist inzwischen erwiesen, dass Kinder, die per Kaiserschnitt entbunden wurden, häufiger an Asthma erkranken und nach der Geburt häufiger an Atemwegserkrankungen leiden.

Die Narkoseeinleitung bei einer Schwangeren ist mit einem hohen Risiko verbunden. Wenn nur maximal 15% der Kaiserschnitte wegen der Vorerkrankungen oder akut eintretender Komplikationen zu begründen sind, haben wir in Niedersachsen zwischen 10 und 28% zu viele Kaiserschnitte.

Das tut den Kindern und frischgebackenen Müttern nicht gut, vermutlich auch den Vätern nicht.

Wir haben einen Maßnahmenkatalog zusammengestellt, um Veränderungen in dem komplexen Entscheidungsgeschehen zu erreichen.

Dazu zählt eine Stärkung der Stellung der Hebammen im Geschehen.

Wir plädieren für einen Aufbau von Hebammenkreissälen in Niedersachsen. Die Frauen werden unter der Geburt verantwortlich von Hebammen von Anfang bis Ende betreut und nur dann, wenn sich gravierende Schwierigkeiten ergeben, wird ein Ärzteteam mit operativen Eingriffsmöglichkeiten hinzugezogen.

Hier soll deutlich gesagt sein: es geht um eine fachkompetente Betreuung der Gebärenden unter der Geburt mit der Sicherheit, bei Schwierigkeiten jederzeit eingreifen zu können. Es findet eine Akzentverschiebung in der Betreuung statt, keine höheren Risiken.

Wir wollen die Einrichtung von Hebammensprechstunden fördern, die die Schwangeren aufklären und beraten. Ich sage deutlich: Frauen werden natürlich über Risiken und Probleme aufgeklärt. Aber der Akzent liegt nicht nur auf Risiken und Nebenwirkungen, sondern auf den Stärken, die die Frauen mitbringen.

Ein wichtiges aus meiner Sicht dezidiert frauenpolitisches Thema betrifft das ganz große Rad der Refinanzierung von Krankenhausleistungen.

Wie bitte schön ist es zustande gekommen, dass die Vergütung einer natürlichen Geburt mit ca. 600 Euro erfolgt, gleichgültig ob die Geburt nach zwei Stunden komplikationslos zu Ende ist oder nach drei Tagen intensiver Betreuung einschließlich eines PD-Katheters zur Schmerztherapie unter der Geburt? Wie kommt es dass der Kaiserschnitt mit mehr als doppelt so viel Geld vergütet wird, nämlich 1400 Euro?

Vorhaltekosten haben beide Versorgungsformen. Die innere Logik der beiden Versorgungen ist aber unterschiedlich.

Während der OP zur Durchführung eines Kaiserschnittes einen bestimmten Aufwand mit qualifiziertem ärztlichem und pflegerischem Personal, sowie Geräten und Technik und weiteren Mitarbeitern betreiben muss, ist die Zeit des Kümmerns und operativen Versorgens relativ kurz. Das qualifizierte und menschliche Kümmern, machen hinterher andere. So kann jede geburtshilfliche Abteilung danach streben, ihren OP möglichst hoch auszulasten.

Hier sind wir in der instrumentellen und technischen Logik der Warenherstellung angelangt.

Die Betreuung einer Frau unter der Geburt erfordert viel Fachwissen, Erfahrung und Standfestigkeit. Der Geburtsverlauf ist nur bedingt zu beeinflussen. Das Sorgen und Kümmern um einen anderen Menschen folgt einer anderen Logik. Hier ist Fachkompetenz, gute Hintergrundorganisation für den Notfall und eine gute Beziehung zwischen den Beteiligten gefragt. Fähigkeiten und Kenntnisse, die weiblich konnotiert sind.

Als weiblich geltende Fähigkeiten haben den bedeutsamen Nachteil, dass sie traditionell abgewertet werden, sowohl was die allgemeine Wertschätzung betrifft als auch ihren Geldwert in der Entlohnung.

Die wesentlich schlechtere Vergütung der Begleitung bei natürlicher Geburt findet hier ihre Entsprechung. Daher fordern wir die Landesregierung auf, sich für eine bessere Vergütung der Betreuung vaginaler Geburten im Vergleich zu Kaiserschnitten einzusetzen.

Wir haben hier in der Region Hannover eine hoch aktuelle Debatte zu genau diesem Thema: wir gehen im Klinikum Region Hannover den schwierigen Pfad  zwischen wirtschaftlicher Konsolidierung eines Krankenhauskonzerns, möglichst wohnortnaher Versorgung, einer qualitativ hochwertigen Versorgung und einer Ausrichtung der Krankenhausstandorte auf die nächsten 30 Jahre und die kommenden medizinischen Entwicklungen. Auch bei der geburtshilflichen Versorgung schlug der Streit in den letzten Monaten hohe Wogen.

Was ist noch an Wegezeiten zumutbar, wo setzen Gefährdungen ein, wo muss sich Versorgung verändern und verbessern. Wir werden in diesem Prozess lernen müssen, dass wohnortnah unter den gegebenen Finanzierungsbedingungen nicht immer weiterentwicklungsfähig ist und Veränderung nicht immer mehr Technik bedeutet wie am Beispiel der Hebammenkreissälen und –sprechstunden bei normaler Geburt gezeigt.

Bei der Versorgung von Schlaganfallpatienten oder Menschen mit akutem Herzinfarkt sehr wohl. Wir müssen differenziert hinsehen.

Ich danke allen Fraktionen für die konstruktiven Beratungen, die zu einem gemeinsam getragenen Antrag geführt haben.

Unser politisches Ziel ist: Stärkung der Schwangeren in ihrer Fähigkeit, Kinder normal bekommen zu können, Vermeidung von überflüssigen Risiken und Spätfolgen für Mütter und Kinder, keine Bevormundung von werdenden Müttern, Erhalt möglichst wohnortnaher qualitativ hochwertiger Begleitung bei Schwangerschaft und Geburt.

Um es mit einem Zitat aus der Bibel, Prediger Salomo Kapitel 14 Satz 3 zu sagen:

 „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit…“

Und für das geduldige Präsidium noch Satz 7 von der Abgeordneten: reden hat seine Zeit,  schweigen hat seine Zeit.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.