Dr. Thela Wernstedt sprach zum Abschlussbericht des Sonderausschusses „Patientensicherheit“ in der Plenarsitzung des Landtages am 8. Juni 2016

 

Dr. Thela Wernstedt sprach für die SPD-Fraktion im Niedersächsischen Landtag in der Aussprache zum Abschlussbericht des Sonderausschusses „Stärkung der Patientensicherheit und des Patientenschutzes“ in der Plenarsitzung des Landtages am 8. Juni 2016. Den Abschlussbericht finden Sie unten im Downloadbereich.
Die Rede von Frau Dr. Wernstedt können Sie nachstehend lesen.

Rede der Landtagsabgeordneten Dr. Thela Wernstedt (SPD), 99. Plenarsitzung am 8. Juni 2016 zu TOP 21:

Konsequenzen aus den Krankenhausmorden ziehen – Sonderausschuss zur Stärkung der Patientensicherheit einsetzen - Antrag der Fraktion der SPD, der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, der Fraktion der CDU und der Fraktion der FDP – Drs. 17/2884

Abschlussbericht des Sonderausschusses „Stärkung der Patientensicherheit und des Patientenschutzes“

- Drs. 17/5790

- Besprechung -

- es gilt das gesprochene Wort –

 

Herr Präsident,

meine Damen und Herren,

ich habe in meinem Berufsleben schon viele Menschen in Not gesehen und behandelt. Etlichen konnte ich durch schnelles Eingreifen das Leben retten, vielen konnte ich mit anderen ärztlichen Kollegen die Gesundheit zurückgeben oder zumindest Leiden lindern.

Wer mit Fachkompetenz, Herz und Verstand seinen Aufgaben im Krankenhaus nachkommt, kann in Minutenschnelle ein Vertrauensverhältnis zu Patienten und Angehörigen aufbauen, das durch die Krisenzeit trägt und auch darüber hinaus.

Wer einmal Teil einer konzentrierten Stille im OP-Saal war, in der jede Hand weiß, was sie tut, kennt die hohe Fachkompetenz, die das voraussetzt.

Wer als Notarzt im Rettungshubschrauber gesessen hat, im Landeanflug dem Piloten bei der Suche nach störenden Hochspannungsmasten geholfen hat und erlebt, dass der Pilot später selbstverständlich die Infusionsflasche hält, kennt den Teamgeist, der keine Worte braucht.

Warum erzähle ich Ihnen das?

Wir haben zur Kenntnis nehmen müssen, dass in Niedersachsen ein qualifizierter Krankenhausmitarbeiter aus der Berufsgruppe der Pflege mindestens 30 Menschen im Krankenhaus getötet hat. Und obwohl bereits über ihn geredet wurde, ein Verdacht bestand, dauerte es viel zu lange, bis er angeklagt wurde.

Diese Tötungsserie hat bei uns Abgeordneten große Betroffenheit ausgelöst.

Das Verbrechen, Menschen zu töten, wiegt am schwersten.

Der Vertrauensbruch gegenüber den Menschen, die sich ihm und den anderen Teammitgliedern anvertraut haben, ist furchtbar.

Die Zerstörung des Teamgeistes wirkt dauerhaft zersetzend.

Juristische Ignoranz und verschlampte Verfahren  haben das Vertrauen in den Rechtsstaat beschädigt.

Eine solche Zerstörung von Menschenleben und Vertrauen in Institutionen und Zusammenarbeit muss überdacht und besprochen werden. Und es muss etwas geändert werden.

Die vier Landtagsfraktionen haben sich dieser Aufgabe stellvertretend für alle niedersächsischen Bürgerinnen und Bürger gestellt.

Der Ausschussvorsitzende hat Ihnen bereits einen Überblick der Arbeit der letzten Monate gegeben.

Uwe Schwarz wird im nächsten Tagesordnungspunkt darauf eingehen, was wir ändern wollen, um die Sicherheit für Patientinnen und Patienten zu erhöhen.

Was aber muss sich in den Köpfen ändern, was braucht es neben intelligenten Kontrollmechanismen und Sicherungssystemen?

Medizin und Pflege sind beides konservative, hierarchische Wissens- und Verhaltenssysteme, die Sicherheit in existentieller Krisensituation vermitteln sollen.

Gleichzeitig sollen sie innovativ sein. Und sie sollen effektiv arbeiten, mit den Solidarbeiträgen der Krankenversicherungen verantwortungsvoll umgehen.

Wenn man das auf den Punkt bringt, kann man sagen: Feudalismus trifft Neoliberalismus.

Undurchlässige, männlich dominierte Machtstrukturen, die Wissen, Habitus und Netzwerke nur gegen hohe Disziplin, Selbstverleugnung und  Unterwerfung weitergeben, walten in einer Institution, die mit hohem technischem und finanziellem Aufwand so viele Überschüsse wie möglich produzieren soll. Es hat den Vorteil, dass Entscheidungen getroffen werden und Verantwortung zurechenbar wird.

Es hat den Nachteil, dass viel Kompetenz und Engagement in den Strukturen verbrannt wird.

Bei diesen Ungleichzeitigkeiten bleibt eine wichtige Ressource auf der Strecke.

Das sind die Menschen, die in verschiedenen hochqualifizierten Berufen in diesem System arbeiten. Sie gehen oft mit hoher Motivation in die Ausbildung und in den Beruf und stecken bald in einem Hochleistungsarbeitsfeld fest.

Jeder Patient bringt eine eigene Krankheit, eine eigene Geschichte, gelegentlich auch eine Tragödie mit, will empathisch behandelt, gut versorgt und möglichst heil nach Hause entlassen werden.

Es sind eben keine Waren, die produziert werden, sondern ist die Begleitung eines krisenhaften Lebensabschnittes.

In die schöne Arbeit mit kranken Menschen haben sich längst die Mechanismen der industriellen Warenproduktion eingefressen mit der Logik von Qualitätsmanagement, Effektivitätssteigerungen und Wachstumsvorgaben und machen Krankenversorgung zu einer erschöpfenden, zermürbenden Arbeit.  

Es gibt ja Gründe für den Fachkräftemangel bei der Pflege und bei den Ärzten.

Das macht niemanden zum Mörder. Aber ein Arbeitsfeld, das von den Mitarbeitern jeden Tag Höchstleistungen an Empathie, moralischer Urteilskraft, Fachwissen und Verantwortung verlangt, macht anfällig für Manipulationen. Entweder sich und der Welt zu zeigen, den hohen Anforderungen gewachsen zu sein oder sich in den Gedanken hineinzusteigern, allein etwas gegen das viele Leid unternehmen zu müssen. Der Psychiater Prof. Karl Beine hat das in einer großen Studie zu Patiententötungen herausgearbeitet.

Ich glaube, dass die Heilberufe dringend eine Reflexion ihres Berufsselbstverständnisses brauchen. Das können wir als Landtag nicht verordnen, aber wir können es laut als Aufforderung ins Land tragen.

In einem Team, das das eigene Handeln reflektiert, kann das Leid anderer besser gemeinsam getragen werden. Wir wissen das aus der Psychiatrie und der Palliativmedizin.

Durch Reflexion über die Sinnhaftigkeit von Therapiefortführung oder -abbruch kann Entlastung und Verstehen von Maßnahmen erreicht werden. Wir wissen das aus der Ethikberatung.

Durch interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen oder intensivierte Zusammenarbeit kann für alle Entlastung und neues Wissen geschaffen werden.

Kollegiale Gespräche, Supervision und eine gegenseitige Achtung sind bewährte Instrumente, um zu bemerken, wann es einem Teammitglied schlecht geht.

Kein Mitarbeiter in einem Krankenhaus oder einer anderen Einrichtung muss das Leid der Welt für sich allein tragen.

Anerkennung von Fehlbarkeit und ein professionalisierter Umgang mit Schuld sind dringend auf die Tagesordnung der Kammern der Heilberufe zu setzen. Im Gesundheitssystem geht es um viel: Überleben und Wiederherstellung von Gesundheit. Wer da Fehler macht, trägt große Schuld.

Wer Überleben auf Kosten von Leben inszeniert wie Nils H., erringt Bewunderung, solange die Perversion beruflicher Anerkennung unerkannt bleibt.

Der Gedanke ist bisher nicht denkbar: einer von uns verstößt gegen die Regeln. Er hilft nicht heilen, sondern verletzt und tötet. Es muss denkbar werden: Ja auch in unserem Team gibt es Menschen, die andere verletzen, die eine Entwicklung nehmen können, andere zu töten.

Alle Leistungen am Patienten: Leben retten, Gesundheit wiederherstellen und Leiden lindern sind gemeinsame Aufgaben und Erfolge. Die Heilberufe müssen einsehen, dass es das Ideal des heldenhaften einzelnen Arztes oder Rettungsassistenten nicht gibt. Dauerhaft in einem hochgetakteten, durchtechnisierten und stark arbeitsteiligen Gesundheitssystem zu arbeiten, gelingt nur als Team.

Es gilt, die Teamfähigkeit professionell zu stärken und damit Achtsamkeit und Entlastung zu schaffen. Es gilt die Effektivitätsspirale zu durchbrechen, die immer weniger zunehmend erschöpften Menschen immer mehr abverlangt.

Einzelne Tötungen werden wir auch in Zukunft nicht verhindern können. Aber wir können die Zahl verringern und eine so entsetzliche Serie verhindern.

Wir haben viel zu tun.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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