Dr. Thela Wernstedt sprach in der Plenarsitzung des Niedersächsischen Landtag zum Thema „Onlinebasierte Lehre an Hochschulen“

 

In der Plenarsitzung des Niedersächsischen Landtages am 18. August 2016 sprach Dr. Thela Wernstedt für die SPD-Fraktion in der Debatte zur abschließenden Beratung des Entschließungsantrages der CDU-Fraktion zum Thema „Zukunftsprogramm „Digitale Lehre“ auflegen - Online-basierte Lehre an niedersächsischen Hochschulen stärken!“.

Dieser Entschließungsantrag wurde der Beschlussempfehlung des federführenden Ausschusses für Wissenschaft und Kultur folgend mit den Stimmen der Fraktionen der SPD und Bündnis 90/Die Grünen gegen die Stimmen der Fraktionen von CDU und FDP abgelehnt.

Die Rede von Frau Dr. Wernstedt können Sie nachstehend lesen.

Rede der Landtagsabgeordneten Dr. Thela Wernstedt (SPD), 103. Plenarsitzung am 18. August 2016 zu TOP 11:

„Zukunftsprogramm „Digitale Lehre“ auflegen - Online-basierte Lehre an niedersächsischen Hochschulen stärken!“

Antrag der Fraktion der CDU - Drs. 17/4177

Beschlussempfehlung des Ausschusses für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Migration: Ablehnung – Drs. 17/5928

- Abschließende Beratung -

- es gilt das gesprochene Wort –

Herr Präsident,

meine Damen und Herren,

in diesem Jahr begehen wir den 300. Todestag des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz. Eine seiner folgenreichsten Einfälle war der binäre Zahlencode, die Grundlage für moderne Rechenmaschinen, modern gesprochen für die Digitalisierung.

Computer, Smartphones, Tablets und noch viel mehr Geräte haben unsere Arbeits- und Lebenswelt gravierend verändert. Wenn ich das so formuliere, ist das keine angelesene Plattitüde, sondern erlebte Veränderung.

In meiner Studienzeit ärgerten sich die Kommilitonen noch über den Datenverlust durch einen abgestürzten 4/86er, der die inhaltliche Arbeit des Tages zunichte gemacht hatte, man durfte noch Hausarbeiten geschrieben mit der Schreibmaschine abgeben und handschriftlich verfasste Referate in der Schule.

In die ersten Jahre meiner Berufstätigkeit fiel das einigermaßen anwenderfreundliche Windows 95 und der Beginn des Internets. Junge Leute heute sind in eine Welt hineingeboren, in der Informationen jeglicher Art überall jederzeit verfügbar sind, die sogenannten Digital Natives. 

Die Debatte um Computer und ihren Wert in Schulen ist inzwischen Jahrzehnte alt. Die Diskussion bewegt sich nach wie vor im Spannungsfeld, dass der Umgang mit Geräten kein Garant für selbständiges und kritisches Denken und ein fundiertes Fachwissen ist.

Die heutigen Geräte sind flexibler, vernetzter, Funktionen gehen in einander über. Sie verändern soziales Miteinander, schaffen neue Kommunikationsmöglichkeiten und neue Probleme und Fragestellungen. Und sie verändern das Lernen, Lehren und Forschen.

„Digitalisierung in der Hochschullehre ist weit mehr als medientechnisch gestützte Didaktik oder disziplinen-übergreifende Informatikgrundlagen. Digitalisierung bedeutet für jedes Fachgebiet einen Wandel der Anforderungen und verändert darüber hinaus ebenso das überfachliche Profil der zukünftigen Fach- und Führungskräfte unserer Gesellschaft“, so schreiben Kreulich, Dellmann u.a. Autoren der UAS7-Gruppe in ihrem Positionspapier „Digitalisierung in der Lehre“.

So diagnostizieren diese Autoren auch, dass die Jugendlichen bei gestiegener Sozialkompetenz im digitalen Kommunizieren, weniger Lese- und Rechtschreib-fähigkeiten haben, so dass das Formulieren von Texten wohl zukünftig zum Portfolio von Hochschulen gehören muss sowie das Training in Konfliktfähigkeit und Frustrationsverarbeitung.

Vergessen wir dabei aber nicht, dass Smartphones, Tablets und Notebooks immer eines bleiben: Instrumente, Handwerkszeuge. Über Lehrinhalte, Forschungsziele, soziales Miteinander müssen wir uns nach wie vor verständigen und streiten. Digitalisierung ist kein Selbstzweck.

Nun ist Niedersachen nicht allein in Sachen onlinebasierte Lehre unterwegs. Das Hochschulforum Digitalisierung ist im letzten Herbst zusammengekommen und hat im Juni eine weitere Konferenz abgehalten. Im Hochschulforum kooperieren der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft, das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) und die Hochschulrektorenkonferenz unter Einbindung des BMBF. Im Juni hat eine Konferenz von BMBF und KMK mit Akteuren und Experten aus Bildung, Gesellschaft und Politik stattgefunden, die sich mit der digitalen Transformation des Bildungssystems, also in Schule und Hochschule beschäftigt hat.

Mit dem gerade Ausgeführten habe ich skizziert, dass diese Auseinandersetzung bundesweit in vollem Gange ist. Niedersächsische Alleingänge sind sicherlich nicht sinnvoll, sondern eine rege Beteiligung an diesen Auseinandersetzungen, um für die niedersächsische Hochschullandschaft interessante und notwendige Entwicklungsschritte abzuleiten.

Niedersachsen hat sich vor Jahren schon auf den Weg gemacht und ein Netzwerk gegründet, das die Aktivitäten zur digitalen Forschung und Lehre zusammenführt.

Es ist das E-Learning Academic Network ELAN e.V. ELAN unterstützt E-Learning Open Source Communities, pflegt die Kommunikation im Netzwerk, ist eng im Gespräch mit dem MWK und der Landeshochschulrektorenkonferenz, stellt Software für die Präsenzlehre zur Verfügung, berät bei Urheberrechtsfragen und bündelt die Erfahrungen der beteiligten Hochschulen. In den Zielvereinbarungen ist die online basierte Lehre Thema. In Niedersachsen muss die Digitalisierung an Hochschulen nicht neu erfunden werden.

Die CDU greift in ihrem Entschließungsantrag das wichtige Thema Onlinebasierte Lehre und einige wichtige Detailfragen auf. Es lohnt sicher, wie Sie fordern, die Potentiale der online basierten Lehre noch bekannter zu machen, Fragen des Datenschutzes und der Datensicherheit auf den verschiedenen Ebenen der Regelung zu bearbeiten.

Oder auch den Online Bereich stärker in der Arbeit der Lehrenden zu würdigen und Prüfungsordnungen zu ändern. Insofern gibt es durchaus Chancen mit einem neuen von uns eingereichten Entschließungsantrag gemeinsam mit der CDU, vielleicht auch der FDP zu einer Abstimmung zu kommen.

Wir haben den vorliegenden Antrag trotz einiger guter Grundgedanken abgelehnt. Es kann doch nicht sein, dass in einem Antrag, der sich mit der Entwicklung der Onlinebasierten Lehre an niedersächsischen Hochschulen beschäftigt, ELAN noch nicht einmal erwähnt wird.

Der CDU-Antrag ist schlecht recherchiert und stößt damit die Experten überflüssigerweise vor den Kopf. Was ist das für ein Bild, das Politik abgibt, wenn jahrelanges Engagement von Fachleuten und dem eigenen Ministerium einfach ignoriert wird?

Auch kann es bei dieser Vorarbeit nicht die einzige Forderung sein, ein Zukunftsprogramm aufzulegen. Dann stampft man alles Bisherige ein, richtet viel Flurschaden an und erfindet die Welt noch einmal neu, anstatt die bisherigen Erfahrungen und Kontakte auszubauen.

Auch zu fordern, dass die online-basierte Lehre Teil der Zielvereinbarungen wird, ist schlicht überflüssig, weil das längst passiert. ELAN berät auch heute schon bei Urheberrechtsfragen, aber natürlich kann man und muss man das weiterentwickeln.

Wir kündigen an dieser Stelle einen eigenen Antrag an, der die bisherige erfolgreiche Arbeit von ELAN würdigt und weiter unterstützen wird. Es werden sicher auch Punkte des CDU-Antrages aufgenommen. Vielleicht, verehrte Kolleginnen und Kollegen, gelingt es ihn gemeinsam zu verabschieden.